Kurzbericht Enquete-Sitzung 2. November 2020

Die Sitzung der Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“ stand am 02. November unter dem Motto „Ausbildungsreife versus Berufswahlkompetenz“. Auch die Mitglieder der AfD-Fraktion waren wie immer mit dabei: unsere Sachverständigen Helmut Seifen (AfD-Fraktion, Landtag NRW), Prof. Dr. Bernd Giezek (parteilos) und mein Kollege Uwe Schulz, MdB und meine Person, als Obfrau der AfD-Fraktion für die Enquete.

Die Sitzungen werden schon seit geraumer Zeit als Web-Konferenzen gestaltet; diesmal verlief sie technisch leider etwas holprig. Als Experten waren der Experte Prof. Marc Thielen (Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover) sowie Frau Sien-Lie Saleh (Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung, ZSL Stuttgart) geladen.Thielen erläuterte beide Themenkomplexe. Ausbildungsreife und Berufswahlkompetenz fokussieren die Entwicklung von Jugendlichen am Übergang in die berufliche Bildung. Als normative Konzepte treffen sie Aussagen zu einem wünschenswerten Entwicklungsstand zu einem bestimmen Zeitpunkt im Lebenslauf. Beide Konzepte, so Thielen, können unterschiedliche Funktionen haben: Bildungsziel von beruflicher Orientierung; Diagnose von Förderbedarfen; Hypothesen für Prognosen und Kriterien für Selektion. Die jeweilige Anwendung muss wissenschaftlich begründet sein, wissenschaftlichen Kriterien folgen und im Hinblick auf ihre Wirkungen evaluiert und kritisch reflektiert werden, betonte Thielen. Ethische Aspekte seien hier explizit eingeschlossen. Er stellte dann beide Konzepte gegenüber und erläuterte Defizite und Kriterien.  „Er stellte dar, das Ausbildungsreife und Berufswahlkompetenz die berufliche Orientierung als ein Entwicklungsgeschehen betrachten, in dessen Vollzug definierte Standards erreicht werden sollen. Während Ausbildungsreife auf Alters- und Entwicklungsnormen rekurriere und Diskrepanzen zwischen dem Entwicklungsstand Jugendlicher und den Erwartungen von Ausbildungsbetreiben betrachte, gehe es bei der Berufswahlkompetenz mehr um Lern- und Entwicklungsaufgaben mit einem Fokus auf den Bedingungen.“ (aus: Kurzmeldungen – „heute im Bundestag“). Thielen plädiert für eine subjektorientierte berufliche Orientierung, die lebenslauf- und übergangsbegleitend angelegt ist und deren einzelne Dimensionen er dann ausführte (Funktion, Rahmenbedingungen, etc.).

Frau Saleh bezog sich in ihren Ausführungen auch auf die SINUS Jugendstudie 2020 (Welche Kriterien sind Jugendlichen bei der Berufswahl wichtig?). Weitere Aspekte ihres Vortrags waren unter anderem der Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife 2004 sowie berufliche Orientierung durch Förderung der Berufswahlkompetenz als Prozess. Sie plädiert aus systemischer Sicht kohärente, aufeinander abgestimmte und transparente Strukturen der “Beruflichen Orientierung“ zu schaffen (Instrumente und Maßnahmen weiterentwickeln, Öffentlichkeitsarbeit, direkten Übergang in eine Ausbildung fördern). Saleh forderte alle Akteure einzubinden und deren Arbeit zu koordinieren (Qualifizierung von Akteuren: Fortbildung, Vernetzung; Vermittlung der systemischen Sicht; dauerhafte Verantwortlichkeiten der Akteure schaffen sowie die Eigenverantwortung der Jugendlichen zu stärken).

Im Anschluss der Vorträge folgte die übliche Diskussionsrunde der Enquete-Mitglieder. Herr Seifen kritisierte unter anderem die etwas künstlich wirkende Unterscheidung zwischen Ausbildungsreife und Berufswahlkompetenz. Er führte des Weiteren aus, dass Schwäche nicht immer als Defizitkriterium zu interpretieren sei, sondern durchaus auch als Selbsterkenntnis. Er ging noch auf Thielens Phasenmodell ein und verwies im Bereich der Berufswahlkompetenz darauf, dass die “Eigenverantwortung“ thematisch ein alter Hut sei. Die Bedeutung der Selbstannahme, der Schwächen-Akzeptanz und auch des Eingestehens für gewisse Berufe nicht geeignet zu sein, sich zu „ent-täuschen“, wurde seitens des Experten der AfD-Fraktion angesprochen. Die gesamten Ausführungen können Sie wie immer „online“ betrachten.